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  • Laura Kristin Fink

Einladung in die Stille


Seit jeher gehöre ich wohl eher zu den Menschen, die etwas stiller sind. Ich halte mich tendenziell eher zurück (wobei die Formulierung hinkt, denn es ist nichts was ich aktiv täte). Ich beobachte stattdessen feinfühlig, sauge alle Impressionen auf und lasse sie gerne nachwirken. Ohne dass ich mich daran je bewusst ausgerichtet hätte, traf somit für mich stets zu:



"Reden ist Silber, Schweigen ist Gold"



Oft habe ich das Gefühl, dass wir als Gesellschaft davon profitieren würden, wenn wir uns hierauf mehr einlassen. Wenn wir öfter einfach nur wahrnehmen, Raum halten und später in Worten darauf eingehen. Viele Debatten würden aus meiner Sicht dadurch achtsamer geführt oder sogar ganz überflüssig werden. Wir neigen stattdessen dazu nicht aufmerksam genug zuzuhören, bereits unsere Antwort vorzubereiten, uns gegenseitig ins Wort zu fallen, voreilige Schlüsse zu ziehen, Dinge zu zerreden, und und und.



Stille wird oft missverstanden


Ich hingegen bringe von Natur aus einen Hang zur Stille mit sich, der gesellschaftlich oft missverstanden wird. Stille Personen gelten als schüchtern, introvertiert oder gehemmt. Annahmen, die keineswegs zutreffen müssen. Seit ich in Sachen Selbstakzeptanz große Schritte mache, kann ich sogar feststellen, dass diese Annahmen auf mich nicht wirklich zutreffen. Meine Stille rührt vielmehr aus einer ganz anderen Energie.



Ein weißer Pelikan mit orangenem Schnabel treibt allein auf einer ruhigen hellblauen Wasseroberfläche, der Himmel ist apricot-farben


Wenn Stille herausfordert


Dennoch kommt es regelmäßig vor, dass sie mein Gegenüber verunsichert. Sie befördert in vielen Menschen noch mehr Redseligkeit zu Tage, als sie sonst für sich erleben. Unbewusst wird hier versucht, meine Stille zu kompensieren. Es wurden mir gegenüber zudem schon Versuche unternommen meine Stille zu brechen („sag doch jetzt mal was!“) oder eigene Verunsicherung über sie kommuniziert („du bist so still, das macht mich ganz nervös“).


All diese Dynamiken sind sehr komplex, haben viel mit Bindung zu tun, und natürlich unserer Komfortzone, unseren Nervensystem-Zuständen. Möglicherweise tragen wir unangenehme Assoziationen rund um Stille in uns, z.B. wenn wir als Kinder mit Stille gestraft wurden. Ist das noch nicht vollständig verarbeitet, kann Stille auch Jahre und Jahrzehnte später noch entsprechend gekoppelte Gefühle in uns auslösen.



Wir begegnen uns um zu heilen


Wenig überraschend ist es für mich daher zu sehen, dass regelmäßig redselige Menschen in meinem stillen Alltag erscheinen. Ich glaube fest daran, dass wir uns stets aus Gründen begegnen und dass in jeder Begegnung sehr viel Heilungs-Potential für uns liegt. Wir lernen stets von einander.


So darf ich mich in Gegenwart von Personen, die tendenziell mehr sprechen als ich, davon inspirieren lassen mich freier auszudrücken und mehr Raum einzunehmen. Weil ich viel aufnehme darf ich in solchen Begegnungen auch ganz besonders üben meine Grenzen zu achten.


Meinem Gegenüber mache ich im Gegenzug u.a. das Angebot, ein wenig Stille zu kosten. Dadurch, dass sie für mich so wohltuend und selbstverständlich ist, wird es für jemanden, der eher schlecht mit ihr sein kann, einfacher, sich doch noch mal auf sie einzulassen. Ich bin da als Halt und Support, auch für all das was aufkommt, wenn eben erst Mal viel aufgewühlt wird innerlich durch die Stille.



Verbundenheit auch ohne Worte


Ich habe in den letzten Jahren eine Form der Verbundenheit für mich entdeckt, die Worte weit übersteigt. Ja, ein gutes Gespräch kann sehr viel Nähe herstellen zwischen uns Menschen. Doch wenn wir uns auf das einlassen, was jenseits eines Gesprächs stattfindet, gibt es noch so viel mehr zu entdecken.


Verbundenheit so wie ich sie mehr und mehr kennenlernen darf ist allumfassend und verkörpert. Sie findet eben nicht nur kognitiv statt, sondern ist körperlich spürbar. Für sie bedarf es keiner Worte, allein schon weil Worte sie unmöglich beschreiben könnten. Sie lässt sich erspüren, wenn man sein Herz für sie geöffnet hat.


Früher war meine Stille auch viel Kompensation, mit der ich mich durch soziale Interaktionen bewegte. Heute verstehe ich, dass sie vielmehr aus einer tiefen Gelassenheit und Liebe entspringt, aus einem Vertrauen und eben beschriebener Verbundenheit. Ich verstehe mein Sein daher an dieser Stelle als eine Einladung in die Stille.

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