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  • Laura Kristin Fink

Es gibt nichts zu Leisten


Vor Kurzem war ich zum ersten Mal Zuschauerin eines Marathons. Auch wenn ich an sich nur bedingt sportbegeistert bin, war es dann doch überraschend bewegend für mich bei einer solch großen Sportveranstaltung live dabei zu sein.


Gerade die Profi-Läufer:innen, die in einem kompakten Pulk und Wahnsinns-Tempo plötzlich an uns vorbei rauschten, ließen mich ungläubig am Wegesrand stehen. Wie ist es denn möglich solch ein Tempo abzurufen und dann sogar über 42km zu halten? Ich war baff.


Die Blöcke, in denen die schnellsten Läufer:innen vorbei kamen, entzerrten sich im Laufe der Zeit immer mehr, bis irgendwann ein unablässiger Strom an laufenden Menschen an uns vorbei zog. Dieses Bild, von unzählbar vielen Beinen, hüpfenden Körpern und Sport-Outfits hat sich bei mir eingebrannt. Dazu die lieben Leute am Rand der Strecke, die anfeuerten und wertschätzten… ich konnte in diesem sportlichen Happening ganz viel Verbundenheit erkennen und war sehr gerührt davon.


Es war besonders spannend für mich wahrzunehmen, wie unterschiedlich jede Person doch lief - nicht nur in Sachen Lauftechnik, sondern vor allem in Sachen Energien. Manch einer lief sehr verschlossen, konzentriert, abgewandt; manch andere federleicht, offen, freudig und ließen sich vom Publikum feiern.


Immer noch geflasht von diesen Eindrücken zog ich innerlich meinen Hut vor dieser herausragenden sportlichen Leistung eines jeden. Unabhängig davon, dass ich selbst wahrscheinlich nach 500 Metern keuchend und mit hochrotem Kopf in der Ecke liegen würde, war ich einfach begeistert davon, welche Herausforderungen Menschen so annehmen und zu welchen Dingen sie fähig sind. Ich fand mich, nachdem ich den Marathon bezeugt hatte, nicht nur inspiriert was mein eigenes Lauf-Bedürfnis anging, sondern auch zutiefst beeindruckt von der Leistung einer jeden Teilnehmenden.



Ein Marathonlauf junger Frauen, man sieht drei Läuferinnen mit Startnummern, im Hintergrund Publikum auf dem angrenzenden Rasen


Die darauffolgenden Tage wirkten die Eindrücke weiter in mir nach und ich begann viel über Leistung zu reflektieren. Je nachdem aus welchem Ansporn, aus welchen Nervensystem-Zuständen und Überzeugungen etwas getan wird, bedeutet Leistung nämlich durchaus sehr unterschiedliche Dinge.



Welche Motivation liegt hinter einer Leistung?


So macht es z.B. einen Unterschied, ob ich einen Marathon auf (Best-) Zeit laufe, oder ob ich einfach teilnehme um mal dabei zu sein. Es macht einen Unterschied ob ich beim Leisten auf meine Grenzen achte oder sie systematisch übergehe. Vielleicht will ich mir durch das Leisten etwas selbst beweisen, oder erhoffe mir Anerkennung von außen.


Oft ist Leisten eng verstrickt mit unbewussten Mustern in uns, und unserem Selbstwert, nicht zuletzt weil Leistung gesellschaftlich erwünscht ist und eingefordert wird. Wer sich bewusst herausnimmt aus diesem Hamsterrad und gesellschaftlichen Druck, oder diesen Vorgaben schlichtweg aus verschiedenen Gründen nicht nachkommen kann, der wird sich vermutlich immer wieder mit Gefühlen wie einem eigenen schlechten Gewissen und harschen Bewertungen der Mitmenschen auseinandersetzen dürfen.



Leisten als "Überlebensstrategie"...


Aus meiner eigenen Biografie kenne ich die Erwartung anderer und hohe eigene Ansprüche an mich selbst gut genug. Lange Zeit bin ich vielen Dingen gefolgt, die andere von mir einforderten, oder von denen ich dachte, dass sie von mir eingefordert würden, auch wenn sie nicht unbedingt mit meinen Bedürfnissen übereinstimmten. Viele Jahre lang habe ich mir zusätzlich eigenen Druck aufgebaut und gedacht, dass ich einfach „abliefern muss“.


Und natürlich - ich bin wahnsinnig interessiert, lernbegeistert, liebe Projektarbeiten und Dinge voran zu bringen. Ich arbeite sehr gerne, beginne mit Freude Neues, und mag ganz klassisches „getting things done“. Doch was sich verändert hat, seit ich begonnen habe mit meinem Nervensystem zu arbeiten und seit mir eigene Zusammenhänge klarer geworden sind, ist, dass ich all dies aus einer Gelassenheit heraus tue.



... vs. Tun aus vollem Herzen


Es hat sich ein tiefes Verständnis für mein Innerstes etabliert, eine Hochachtung vor meinem Körper, und eine beeindruckende Präsenz ist in mir spürbar geworden, derer ich mir vorher nicht bewusst war. Ich kann nun besser unterscheiden zwischen Dingen, die sich wirklich authentisch aus mir heraus ergeben, und Dingen, von denen ich annehme, dass sie nötig wären. Ich spüre immer deutlicher, dass mein Selbstwert nicht im Tun liegt, sondern im Sein. Und so unterstütze ich mich in all diesen Entwicklungen u.a. auch damit, dass ich mich daran erinnere: „Es gibt nichts zu Leisten“ - Dieser Satz nimmt Druck und verweist darauf, wieder ins Hier & Jetzt, in die eigenen Präsenz zurück zu kommen.


Einen Marathon zu laufen ist und bleibt aus meiner Sicht eine beeindruckende sportliche Leistung. Und doch hat mir diese Veranstaltung noch einmal wunderbar vor Augen geführt worum es für mich eigentlich geht.


Ich habe jetzt tatsächlich angefangen Laufen zu gehen - ganz achtsam und im wahrsten Sinne kleinschrittig. Zum ersten Mal habe ich mich darin nicht direkt übernommen, sondern wirklich einen Weg gefunden bei Null anzufangen, liebevoll mit mir zu sein, und erstmal eine Routine aufzubauen. Ich begann dieses Unterfangen nicht mit dem Anspruch etwas zu leisten, sondern ausgehend von einer Neugierde und einer Selbstliebe. Präsenz, Offenheit und Lebensfreude sind die Pfeiler meines Tuns geworden. Und daher bleibe ich dabei: „Es gibt nichts zu Leisten“


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