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Kollektives Trauma in der queeren Community - Warum wir zusammenkommen müssen um zu heilen

  • Autorenbild: Laura Kristin Fink
    Laura Kristin Fink
  • vor 6 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Die queere Community trägt einen kollektiven Schmerz, der bislang noch viel zu wenig Beachtung fand. In diesem Artikel beleuchten wir das Thema kollektives Trauma in der queeren Community genauer.



Inhaltsverzeichnis



Was ist Trauma?


Der Begriff Trauma ist mittlerweile in aller Munde – und wird gleichzeitig oft missverstanden.


Trauma bedeutet nicht einfach „etwas Schlimmes erlebt zu haben“. Vielmehr beschreibt es eine Reaktion des Nervensystems.


Eine Situation war einmalig oder wiederholt so belastend, überwältigend oder existenziell bedrohlich, dass unser System sie zum jeweiligen Zeitpunkt nicht ausreichend verarbeiten konnte.


Das Nervensystem geriet dabei in Hochstress. Fight, Flight und Freeze-Reaktionen als Ausweg aus der Situation griffen jetzt nicht mehr.


Konnte das Erlebnis und der Impact auf das Nervensystem im Nachgang nicht gut aufgefangen und ausreichend aufgearbeitet werden, kann es sein, dass wir Traumafolgen davon tragen.


Körper und Psyche finden dann Wege, diese Erfahrung und den dahinter stehenden Hochstress innerlich gut zu „verstauen“ um weiter machen zu können.



Nahaufnahme ein paar Eiswürfeln

Ein anschauliches Bild, das ich in meiner Arbeit sehr hilfreich finde, ist das folgende:


Trauma friert Erfahrungen, Schmerz und Stress ein wie einen Eisblock.


Stell dir vor, überwältigende Erfahrungen werden innerlich wie Eiswürfel in einen großen Gefrierschrank gepackt. Das Nervensystem sagt gewissermaßen: „Das war zu viel. Da schauen wir nie wieder hin.“


Diese Erfahrungen verschwinden aber nicht einfach - sie wirken weiter im System - und genau das kostet uns Kraft.


Denn solange wir all diese eingefrorenen Erfahrungen mit uns herumtragen, bleibt ein Teil unserer Energie immer gebunden. Wir sind unbewusst auf Habachtstellung, vermeiden bestimmte Situationen, passen uns an oder halten uns zurück.


Wir wollen diesen Schmerz und Hochstress keineswegs noch mal erleben müssen oder auch nur daran erinnert werden.



Wie gelingt Trauma-Integration?


Im Trauma-Bereich sprechen wir nicht von „Heilung“ im Sinne von „wegmachen“ - es geht vielmehr um Integration.


Das bedeutet: Eine Erfahrung darf Teil deiner Geschichte werden, ohne dein Nervensystem jedes Mal erneut in Alarm zu versetzen.


Oder um beim Bild des Gefrierschranks zu bleiben: Trauma-Integration beginnt dort, wo wir uns unseres Schmerzes bewusst werden, uns ihm liebevoll zuwenden und der metaphorische Eisblock beginnen darf zu schmelzen.


Das bedeutet auch: der Stress und Schmerz des jeweiligen Erlebnisses wird dann noch einmal spürbar. Sich dem achtsam auszusetzen lohnt sich jedoch sehr.


Denn dadurch kommt gebundene Energie wieder zurück in den Fluss. Viele Menschen erleben durch eine traumasensible Begleitung deshalb schon bald wieder mehr Lebendigkeit, Präsenz, innere Ruhe und auch mehr Lebensfreude.


Integration bedeutet also nicht, dass etwas „nie passiert ist“, sondern dass dein System heute anders damit sein kann.



Was bedeutet kollektives Trauma?


Was hat es nun mit kollektivem Trauma auf sich?


Nun, Trauma existiert nicht nur individuell. Auch Gruppen und Communities können kollektiven Schmerz tragen - also Erfahrungen machen, die überwältigend sind, ihre Spuren hinterlassen und nachhaltig Energie kosten.


Pandemie, Klimawandel & Co. sind Beispiele für globale Geschehnisse, die die Menschheit kollektiv überwältigt hält, und bei denen man sich fragen kann, ob sie schon ausreichend verarbeitet wurden.


Ähnlich wirken bestimmte Themen und Herausforderungen auf die queere Community insgesamt, und eben nicht nur auf einzelne Individuen.


So ist die queere Community z.B. genau wie andere Minderheiten mit Minderheitenstress konfrontiert. Queer sein bedeutet unweigerlich erst einmal:

  • nicht einfach dazugehören zu können,

  • sich anpassen zu müssen,

  • Gewalt und Ausschluss fürchten zu müssen,

  • sich nicht selbstverständlich ausdrücken und zeigen zu können.


Dieses fehlende Sicherheitsempfinden erzeugt einen chronischen Stress im Nervensystem.


In meinem Online-Kurs Queer & Reguliert - Nervensystem-Basics für unsere Community spreche ich ausführlicher über die Wichtigkeit von Nervensystem-Regulation - für uns individuell wie kollektiv.


Hinzu kommt historischer Schmerz, z.B. durch

  • die Verfolgung queerer Menschen in der NS-Zeit,

  • die AIDS-Krise,

  • Kolonialisierung,

  • religiöse Beschämung,

  • gesellschaftliche Unsichtbarkeit.


Was würdest du sagen? Wurden diese Erfahrungen kollektiv bereits hinreichend aufgearbeitet und integriert? Oder wirken sie nicht doch eher in uns weiter und sorgen oft genug dafür, dass wir mitunter unsolidarisch, wenig mitfühlend und unachtsam miteinander sind?



Wie zeigt sich kollektives Trauma in der queeren Community?


Die Folgen dieser kollektiven Traumata sind vielfältig.


Sie zeigen sich zum Beispiel in:

  • Grabenkämpfen innerhalb der Community,

  • fehlender Solidarität,

  • Ausschlüssen und Diskriminierung auch innerhalb der Community,

  • Konkurrenz und Missgunst,

  • Transfeindlichkeit oder Rassismus innerhalb queerer Räume,

  • chronischer Scham,

  • emotionaler Überforderung,

  • oder dem Versuch, Schmerz dauerhaft zu kompensieren.


All das geschieht aus einem fehlenden Bewusstsein und einer Überforderung mit einem Schmerz, der in uns allen weiter wirkt, und mit dem wir irgendwie versuchen umzugehen.


Trauma reproduziert sich unbewusst. Menschen, die selbst Ausschluss erlebt haben, geben Ausschluss manchmal weiter. Oft wird sich an die eigenen Privilegien geklammert und es mangelt an Verständnis und Solidarität füreinander, weil die Not, selbst irgendwie durchzukommen innerlich sehr groß sein kann.


Das bedeutet nicht, problematisches Verhalten zu entschuldigen. Aber es hilft uns zu verstehen, warum bestimmte Dynamiken überhaupt entstehen.



Warum wir gemeinschaftliche Heilungsräume brauchen


Was kollektiv wirkt, lässt sich auch nur kollektiv lösen.


Ich kann meiner inneren Arbeit noch so sehr committed sein - es wird mir nur schwer gelingen, mich auf eigene Faust mit dem Schmerz und kollektiven Stress der (beispielsweise) Aidskrise auseinanderzusetzen.


Trauma macht „zu“, spaltet ab und schämt sich.


Trauma-Integration bedeutet also stets das Gegenteil: ein Hinwenden in Verbundenheit.


Hier kommen wir also gar nicht drumrum, zusammenzukommen, uns unserem kollektiven Schmerz gemeinsam liebevoll zuzuwenden und korrigierende Erfahrungen miteinander zu machen.



Wie Trauma-Integration die queere Community verändern wird


Je mehr wir nun damit beginnen, unseren kollektiven Schmerz anzuerkennen und ihm nicht länger nur aus dem Weg zu gehen, desto mehr Veränderung wird für uns möglich.


Wo Erschöpfung herrschte, wird plötzlich Energie und Lebensfreude frei. Wo ein Gefühl der Hilflosigkeit bestimmend war, wird Zuversicht möglich. Wo Grabenkämpfe bestanden, wird Solidarität und Mitgefühl mühelos. Wo bislang performt wurde, wird Verletzlichkeit endlich willkommen geheißen. Wo es nur ums eigene Durchkommen und Überleben ging, ist nun wieder Kontakt, Spielfreude und Neugierde möglich.


Und sicher wird durch all das etwas entstehen, wonach sich viele queere Menschen zutiefst sehnen: echte Zugehörigkeit.



Meine Vision: Queer Collective Healing


Wir brauchen also nicht nur mehr Traumasensibilität in der queeren Community, sondern auch viel mehr Mut, uns auch herausfordernden Gefühlen zu stellen.


Ich glaube daran, dass in unserem kollektiven Schmerz unglaubliches Potential steckt, und wir alles bereits in uns tragen, um ihn gemeinschaftlich zu transformieren.



Fazit: Keine Angst vor kollektivem Trauma


Kollektives Trauma in der queeren Community? It’s a thing!


Es prägt unser Miteinander, unser Selbstbild und unser Nervensystem oft viel stärker, als uns bewusst ist.


Doch sobald wir beginnen, diesen Schmerz anzuerkennen, entsteht auch die Möglichkeit für Veränderung, und uns neu zu entscheiden.



Lasst uns eine Bewegung des Bewusstseins, Mitgefühl und der Menschlichkeit werden!



Das wünschst du dir auch? Dann könnte mein Queeres Gruppencoaching etwas für dich sein. Darin üben wir uns in mehr Verkörperung, Achtsamkeit und menschlichem Miteinander. Hier kannst du dich auf die Warteliste setzen. Ich freue mich auf dich!


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